Trauern wird erlernt oder von einer die auszog das Trauern zu lernen

By 27. Februar 2017Aktuell

 

Als Silke vom Blog www.inlautertrauer.de andere BloggerInnen zum Thema aufrief:
Alle reden über Trauer – Ein Tag, viele Blogger, viele verschiedene Facetten von Trauer   http://in-lauter-trauer.de/alle-reden-ueber-trauer-2017 mit beizutragen, habe ich lange nachdenken müssen und kam zu folgender Erkenntnis, das man Trauer kulturell erlernt, nur in meinem Fall sah das ein bisschen anders aus.

Trauern wird erlernt

Ob Frauen sich in lauter Trauer wie im Orient auf der Straße zusammenfinden und klagen und sich auf den Boden werfen, oder ob wir im westlichen Teil in den vergangenen Jahrhunderten Spiegel verhängten, die Uhren anhielten, oder uns dem christlichen Leitfaden der Bestattung hingaben.
Ich habe all dies nicht gelernt – ich bin bis heute unvorbereitet. Es fehlte der festgefügte Rahmen einer intakten Familie, mit Bräuchen und Erklärungen.

Das erste Mal begegnete mir der Tod bei der Beerdigung meiner Tante Clara, die ich nicht mochte und selten sah. Meine große Schwester hatte mich an der Hand genommen, und vielleicht auch auf Anweisung meiner Mutter standen wir bei der Beerdigung ganz hinten. In meiner Erinnerung finde ich ein Bild einer Mauer aus den Rücken in Wintermänteln, die den Blick auf alles versperrten.

Das zweite Mal, ich war jetzt 18 Jahre alt, rief mich eine Freundin an, um mir mitzuteilen, dass meine damals enge Freundin Babs bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen ist. Mittlerweile lebte ich schon ein Jahr in einer anderen Stadt, und der Kontakt hatte sich nicht so gehalten wie ich gern wollte. Ich war unendlich traurig, aber ich bin nicht in den Zug gestiegen und nicht zu ihrem Grab gegangen. Ich wollte das nicht, wollte nicht den Namen auf dem Grabstein lesen.

In meinem ganzen Leben war ich nun auf 5 Beerdigungen, und bei jedem Mal empfand ich mich ein bisschen wie eine, die auszog, das Trauern zu lernen. Mein einziger Halt war oft die Empathie mit denen, die einen geliebten Menschen verloren hatten.
So war ich z. Bsp. hilflos, als ich von einer Freundin gebeten wurde zur Beerdigung ihrer geliebten Mutter zu kommen. Ich tat es für sie, aber natürlich empfand ich keine Trauer, ich schaute oft auf das blasse Gesicht meiner Freundin und sie tat mir unendlich leid. Trotzdem war ich nervös, denn ich versuchte dem peinlichen Gefühl zu entkommen, als ich sah, dass alle ein Blume in der Hand hatten. Es war zu spät, um noch eine zu kaufen, und verunsichert versuchte ich herauszufinden, wie ich mich denn nun konform zu verhalten hätte, um nicht den Schmerz meiner Freundin zu vergrößern. Sollte ich jetzt die Erde auf den Sarg werfen? Warum macht man das eigentlich? Dürfen nur die engen Freunde und entfernt Verwandte den engsten Familienangehörigen die Hand geben, sollte man da nicht Rücksicht üben, weil es sonst Ihnen evtl. zuviel wird?

Es vergingen Jahre, ich pflegte mit meinem Mann meine durchaus herausfordernde Schwiegermutter Hannelore, und als sie starb, machte sich in mir – ich muss es so zugeben – auch Erleichterung breit. Natürlich habe ich mich oft und lange mit meinem Mann darüber unterhalten, ob ich mich jetzt vor mir selbst schämen muss, der dies jedoch stets verständnisvoll verneinte. Doch nun war ich unmittelbar mit allem befasst, was mit ihrem Tod zu tun hatte: Bestatter, Kleider, Grabstein mit Inschrift ergänzen – ich machte meine ersten Erfahrungen mit 51 Jahren. Ich rief Freunde an, weil ich nicht wusste, was angemessen ist, wenn nach der Beerdigung alle zusammenkommen und essen und trinken. Was essen? Was trinken? Das was aus mir selbst kam, war, dass ich ein kleines Heft mit 8 Seiten drucken ließ, mit den Bildern und der Biografie von Hannelore, für all die weitgereisten alten Freunde, die nur einen Teil des Lebens mitbekommen hatten. Das Feedback hat damals den Grundstein für die Kleine Chronik gelegt.

Als meine Schwester 3 Jahre später starb, war ich aus vielen Gründen fassungslos. Unser Verhältnis war nicht eng geschwisterlich. Wir gratulierten uns zum Geburtstag, manchmal schrieb ich einige Zeilen, und doch, sie war meine große Schwester und natürlich war nicht immer alles schlecht. Sie war ein sehr sensibler Mensch, der unvermittelt dicht zuklappen und sich wie eine Auster verschließen konnte. Das Schimmern der Perle sah man dann nicht mehr, denn sie war intelligent, gebildet, künstlerisch enorm begabt, gleichzeitig tough – und, sie hatte ein schönes Lachen.
Wir lebten 300 km entfernt voneinander, einer ihrer Söhne wohnt jedoch nur eine halbe Autostunde von uns. Ich konnte meine Gefühle etwas schwer sortieren, als ich hörte, dass sie 2 Monate im Nachbarort im Hospiz gelegen hatte, um in der Nähe ihres Sohnes und ihrer Enkel zu sein. Meine Neffen hatten den Willen der Mutter respektiert und weder mich noch meinen Bruder informiert. Ein klärendes Gespräch, ein liebevoller Abschied, das hat sie nicht gewollt und im ersten Impuls dachte ich, dass sie strafen wollte. Heute sehe ich das anders. Alles hatte sie vorbereitet, auch ein Lied, welches sie als letzten Gruß an uns richten wollte. „Dust in the wind“.  Obwohl keine 500 m weiter Baumaschinen lärmten, war es verboten, für diesen kleinen intimen Moment den CD-Player in einem Friedwald anzuwerfen. Wie imponierte mir die Haltung ihres jüngsten Sohnes, der tapfer jede einzelne Zeile vorlas, stets mit den Tränen kämpfend. Mein Bruder und ich trösteten uns gegenseitig, als ihre kleine Urne im Waldboden versank.

In der Zwischenzeit kommen mit zunehmenden Alter auch mehr Beerdigungen, ich habe mich in das Thema eingelesen und stelle fest – die Verstorbenen sind nicht „weg“, da die Erinnerungen bleiben.

Leben, Liebe und Lachen

Übrigens, ich verabschiede mich jeden Abend von meinem Mann mit den Worten: „Wir sehen uns dann morgen“, denn meine Angst ihn zu verlieren, spüre ich bewusst jeden Tag. Mein Leben an seiner Seite ist ein reiches und glückliches und ich bin dankbar für jeden Tag. In einem unserer Gespräche, die meist von einem heiteren Grundton begleitet werden, haben wir gemeinsam beschlossen, dass wir ewig leben und das Sterben einfach ablehnen. 🙂

 

Petra Schaberger


 

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Petra Schaberger

About Petra Schaberger

Petra Schaberger, ist Mediengestalterin für Print und Nonprint (Fachrichtung Mediendesign) und Autorin. Bei 'Die Kleine Chronik' gestaltet sie die digitalen Biografien für Nachrufe als Webseiten, engagiert sich im Business-Netzwerk Xing als Moderatorin in der Gruppe Bestattungskultur und Moderatorin im Seniorennetzwerk. Daneben füllt Sie den www.blogq5.de mit Leben, wo sie mit tollen Kooperationspartnern und Juroren Kurzgeschichtenwettbewerbe veranstaltet. Als Projektleiterin betreut sie beruflich die Spezialisten von www.quintessenz-manufaktur.de und gestaltet die Bigrafie- und Firmenchronikbücher.

8 Comments

  • […] Trauern wird erlernt oder von einer die auszog das Trauern zu lernen Ob Frauen sich in lauter Trauer wie im Orient auf der Straße zusammenfinden und klagen und sich auf den Boden werfen, oder ob wir im westlichen Teil in den vergangenen Jahrhunderten Spiegel verhängten, die Uhren anhielten, oder uns dem christlichen Leitfaden der Bestattung hingaben. Ich habe all dies nicht gelernt – ich bin bis heute unvorbereitet. (Petra von Die kleine Chronik) […]

  • Liebe Petra,
    danke für die offenen Worte. Dein Weg die Trauer zu finden, wurde zum Erinnern an die Toten.
    Ich freue mich sehr Dich zu kennen und gemeinsam mit Dir Stärken auszuloten.
    Deine Margarete

  • PatrWink sagt:

    Ich denke eine Bestattung darf man nicht mit Blick auf die Vergangenheit begehen, mit dem Blick zurück auf das, was alles hätte besser laufen können, sondern mit Blick auf die Zukunft, und auf das, was nicht mehr sein wird.

    • Lieber Herr Winkelmann, herzlichen Dank für Ihren Beitrag, doch ganz verstehe ich ihn nicht. Diesen Blogbeitrag – wie ich die in unserer Kultur vergessenen Riten erlernte, dies ist für mich der eigentliche Link zur Vergangenheit.

  • Franz Hench sagt:

    Hallo Frau Schaberger,

    vielen Dank für Ihren Beitrag.

    Begleiten und Betrauern und persönliche Neuorientierung werden gelernt.

    Ich habe 2017 einen Mann begleitet kurz vor seinem Tod und konnte ihn im Rahmen der ehrenamtlichen Hospizarbeit dabei wirksam unterstützen, vor Abschluss seines Lebens Kontakt zu seinen drei Kindern zu bekommen, der vorher lange abgebrochen war.

    Falls eine solche Geschichte interessant sein könnte, würde ich Ihnen darüber berichten.

    Viele Grüße aus Freiburg

    Franz Hench

    • Lieber Herr Hench,
      entschuldigen Sie die späte Antwort, aber trotz des schwierigen Themas darf ich es so formulieren: Mir kam sehr viel Leben dazwischen. Ich habe gestern den Schreibwettbewerb “Weil Du mir so fehlst” beendigt und nun noch sehr viele Tage Arbeit vor mir. Aber, ich finde die Geschichte interessant und wenn Sie hierzu einen Beitrag schreiben wollen, dann werde ich ihn gern hier auf dem Blog veröffentlichen. Der versöhnliche Weggang – das ist ein spannendes Thema.
      Viele Grüße nach Freiburg
      P. J. Schaberger

  • Martina Fornoff sagt:

    Liebe Frau Schaberger,
    ich habe ähnliche Erfahrungen wie Sie gemacht, und ich bin sicher, dass wir nicht die einzigen Menschen sind, die dies teilen. In unserer Gesellschaft ist dieses Thema nur scheinbar tabu, denn da nun mal unser aller grobstoffliches Leben einmal aus dieser Dimension scheiden wird, können wir uns dem nicht entziehen. Wir dürfen trauern – um die Menschen, die Teil unseres Lebens gewesen sind. Durch Trauer erfahren wir etwas über uns selbst. Für den einen ist es die Erkenntnis, Dualität zu erfahren, für den anderen ist es die Begegnung mit Gott in uns. In dem Wort Trauer steckt auch das Wort ‘trau’. Wenn man jung ist, traut man sich erst gar nicht so recht an dieses Thema heran. Doch es gelingt, wenn auch zunächst unsicher, eigene Erfahrungen damit zu machen. Es stimmt, sie ist erlernbar. Trauern ist, wenn man darüber spricht. Ich für meinen Teil, habe sie in Gedichten und Aphorismen niedergeschrieben. Und ich freue mich, wenn ich diese Eindrücke anderen Menschen, die gerade eine Trauerphase durchleben, weitergeben kann. Zu wissen, man ist damit nicht ganz allein, ist ein erster Schritt auf diesem Weg.

    Herzliche Grüße
    Martina Fornoff

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